Aostatal – Italiens vergessene Alpenrepublik
- Mangiamo
- vor 6 Stunden
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Viaggio
Es gibt ein Italien, nachdem man nicht unbedingt sucht - und wenn man es gefunden hat, ist man umso erfreuter darüber. Es liegt nicht auf dem Weg nach Rom, nicht auf der Fahrt nach Florenz, nicht im Stau vor Venedig. Sondern ganz oben, in einem Winkel, in dem die Alpen enger werden und die Straße am Ende wirklich aufhört.

Das Aostatal – Valle d'Aosta auf Italienisch, Vallée d'Aoste auf Französisch, denn hier ist beides Amtssprache – ist Italiens kleinste Region. Kleiner als das Saarland. Von vier Seiten von Bergen umgeben: Mont Blanc, Monte Rosa, Gran Paradiso, Matterhorn. Die höchsten Gipfel Westeuropas in einem einzigen Tal.
Wer hierher kommt, kommt ganz bewusst. Und wer einmal gekommen ist, versteht sehr schnell, dass es ein Fehler war nicht früher im Aostatal gewesen zu sein.
Aosta: Das Rom der Alpen
Die Hauptstadt der Region heißt schlicht wie das Tal selbst: Aosta. Und sie trägt einen Beinamen, der auf den ersten Blick übertrieben wirkt und auf den zweiten vollkommen verständlich ist.
La Roma delle Alpi – das Rom der Alpen.
Die Geschichte Aostas ist untrennbar mit der Roms verbunden. Augustus gründete die Stadt als Augusta Praetoria Salassorum im Jahr 25 v. Chr. – strategisch, um den Zugang zu den Alpenpässen zu kontrollieren. Was er hinterließ, steht noch: Das Stadttor Porta Praetoria aus dem ersten Jahrhundert vor Christus ragt am Ende der Altstadt wie ein Kommentar über die Vergänglichkeit von allem, was danach gebaut wurde. Der Triumphbogen des Augustus, die gut erhaltene römische Stadtmauer, das Theater mit seiner noch stehenden Fassade – Aosta ist ein Freilichtmuseum, das jemand vergessen hat zu beschildern.
Dazwischen: eine Altstadt mit engen Gassen, Kaffeebars, in denen man noch Minuten hat, bevor das Moped zu dicht vorbeifährt, und einem Marktplatz, auf dem das alpine und das mediterrane Italien aufeinandertreffen und kurz überlegen, ob sie sich mögen. Keine Sorge - sie tun es.
Die Burgen: Ein Tal voller Mittelalter
Das Aostatal ist von zahlreichen Wehrburgen und Schlössern durchzogen, viele davon aus der Renaissance. Keine andere Region Italiens hat auf so engem Raum so viele erhaltene Burganlagen. Man fährt das Haupttal entlang und zählt: links eine, rechts eine, oben eine, da unten noch eine.

Castello di Fénis ist die fotogenste unter ihnen – eine konzentrische Anlage aus dem 14. Jahrhundert mit doppelter Ringmauer, Halbtürmen und einem Innenhof, dessen Fresken noch lesbar sind. Die Treppen sind steil, die Räume eng, die Aussicht auf das Tal weit. Man versteht sofort, warum hier jemand regiert hat.
Castello di Issogne am östlichen Talende ist das elegantere Gegenstück – ein Renaissancepalast statt einer Trutzburg, mit einem Innenhof, dessen Granatapfelbrunnen zu den bekanntesten Kunstwerken der Region gehört. Die Fresken im Erdgeschoss zeigen das Leben des 15. Jahrhunderts: Handwerker, Händler, Marktstände. Eine Alltagsgeschichte in Kalkfarbe.
Castello di Aymavilles im Zentraltal ist heute ein Veranstaltungsort – es ist für Konzerte und Führungen im Frühjahr und Sommer geöffnet und gibt dem Programm der Region eine Kulisse, die man sich nicht hätte besser ausdenken können.
Sacra di San Michele liegt zwar bereits im Piemont, ist aber von Aosta aus einen Abstecher wert – eine Abtei auf einem Felsgipfel über dem Susa-Tal, die so aussieht, als wäre sie aus dem Berg gewachsen, weil man sie dort hineingebaut hat. Wer "Der Name der Rose" gelesen hat, weiß: Umberto Eco hat hier nicht zufällig seine Inspiration gefunden.
Natur: Vier Viertausender und ein Nationalpark
Das Aostatal wird von den gewaltigen Bergmassiven des Mont Blanc, Monte Rosa, Gran Paradiso und Matterhorn umrahmt. Man steht in Aosta und sieht sie alle, wenn der Himmel klar ist.

Der Gran-Paradiso-Nationalpark ist Italiens ältester Nationalpark – gegründet 1922, ursprünglich als königliches Jagdrevier, heute eines der letzten wirklich wilden Gebiete der Alpen. Rund um den Gran Paradiso erstreckt sich das ausgedehnte Schutzgebiet, in dem die Bergwelt noch in ihrer Ursprünglichkeit erhalten ist. Steinböcke, die vom Aussterben gerettet wurden und heute wieder in Herden über die Felsen ziehen. Gämsen, Murmeltiere, Adler. Wanderwege, auf denen man stundenlang niemandem begegnet außer dem eigentlichen Bewohnern dieser Landschaft.
Das Bergdorf Cogne liegt mittendrin – auf 1.534 Metern ist es ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen im Nationalpark, mit einem kleinen Bergwerksmuseum, das an die Eisenerzzeit erinnert, und im Winter mit Loipen, die zu den schönsten der Alpen gehören.
Die Skyway Monte Bianco ist das technische Gegenstück zur unberührten Natur des Nationalparks. Die rotierende Seilbahn bietet einen 360-Grad-Alpenblick von einer modernen Aussichtsplattform in fast 3.500 Metern Höhe. Das Glas unter den Füßen zeigt den Gletscher und die Wolken unter dir.
Der Lac Bleu bei Breuil-Cervinia und der Arpy-See über Morgex gehören zu jenen Orten, die nur Wanderer kennen. Stille Bergseen, in denen sich Gipfel spiegeln, die dreimal so hoch sind wie der See klein ist. Im Herbst, wenn die Lärchen golden werden, gehören sie zu den schönsten Flecken Italiens.
Weitere Highlights sind die Lillaz-Wasserfälle in der Nähe von Cogne – eine Reihe gestufter Wasserfälle, die man auf einem kurzen Rundweg umwandert und bei denen man versteht, warum das Wort „rauschend" eigentlich für Wasser erfunden wurde.
Städte & Borghi: Wo man bleiben möchte
Courmayeur am Fuß des Mont Blanc ist das glamouröseste Städtchen des Tals – im Winter das Skizentrum am Mont Blanc, im Sommer Ausgangspunkt für Wanderungen im Massiv. Die Via Roma, die Haupteinkaufsstraße, ist eine der schönsten Flaniermeilen der Alpen: hier findet man keine Ketten und Fastfood-Logos, sondern kleine Boutiquen, Käseläden, Bergsportausrüster und Restaurants, vor denen nachmittags Wanderer, Skifahrer und Bergsteiger sitzen und so tun, als würden sie sich ausruhen, obwohl sie eigentlich schon den nächsten Tag planen.
Breuil-Cervinia liegt am anderen Ende des Tals, am Fuß des Matterhorns. Das Skigebiet teilt sich mit Zermatt auf der Schweizer Seite – wer hier mit dem Lift hochfährt, steht plötzlich zwischen zwei Ländern auf demselben Gletscher. Im Sommer ist das Dorf ruhiger, die Wanderwege wilder, und der Anblick des Matterhorns – Monte Cervino auf Italienisch – ist aus dieser Perspektive noch brutaler und schöner als von der Schweizer Seite.

Bard am östlichen Taleingang ist das erste und das letzte, was man vom Aostatal sieht. Ein kleines Dorf unter einer gewaltigen Festungsanlage, die den gesamten Taleingang versperrt. Napoleon ließ seine Artillerie hier wochenlang warten. Heute beherbergt die Festung ein Designmuseum und eine Fotogalerie, die regelmäßig Weltklasse-Ausstellungen zeigt – ein seltsamer und perfekter Kontrast, der das Aostatal in einem Bild erklärt: Geschichte und Gegenwart, übereinander, ohne dass eine die andere verdrängt.
Feste: Das lebendige Erbe
Foire de Saint-Ours (30./31. Januar, Aosta)
Seit über 1.000 Jahren wird die größte Handwerksmesse der Alpen in Aosta am 30. und 31. Januar gefeiert. Über tausend Handwerker füllen die Altstadt mit geschnitzten Holzgegenständen, Schmiedearbeiten, Flechtwerk, Keramik und Textilien – alles handgemacht, alles aus dem Tal. Es ist mehr als eine Messe – es ist ein lebendiges Fest mit Werkstätten, Musik und gastronomischen Bereichen. Die Veillà am Vorabend – ein nächtliches Fest mit Feuer, Musik und dem Geruch von heißem Rotwein in der Winterkälte – ist das intimere, ursprünglichere Erlebnis. Wer im Januar ins Aostatal reist, kommt wegen der Foire. Wer bleibt, bleibt wegen der Veillà.
Bataille des Reines (Frühjahr bis Oktober, diverse Orte)
Die Bataille des Reines ist ein jährliches Kuhkampf-Turnier im Aostatal, das mindestens auf das

Jahr 1858 zurückgeht. Nicht Stiere, sondern Kühe – die einheimische Aosta Black Pied Rasse, die in den Alpen von Natur aus für die Herdenführung kämpft. Zwei Kühe stoßen zusammen, bis eine zurückweicht – die stehende gewinnt. Das klingt brutal und ist es nicht – die Hörner werden gestutzt, echte Verletzungen sind selten. Was es ist: ein Spektakel mit tiefen Wurzeln, das die Bewohner des Tals mit einer Leidenschaft verfolgen, die Außenstehende überrascht. Am Ende wird eine Königin gekürt, die offiziell als Herdenführerin gilt. Das Finale in Aosta im Oktober füllt das Stadion.
Désarpa (September/Oktober)

Der Almabtrieb. Im gesamten Aostatal kehren die Kühe im Herbst von den Hochalmen zurück – geschmückt mit Blumenkränzen und Glocken, begleitet von Sennern in Tracht, empfangen von Dörfern. Keine Inszenierung für Touristen – eine echte Rückkehr, die das Ende des Bergsommers markiert. In Dörfern wie Gaby, Torgnon und Rhêmes-Saint-Georges kann man das erleben, ohne das Gefühl zu haben, eine Vorführung zu besuchen.
Kulinarik: Die Küche zwischen Berg und Rauch
Das Aostatal ist kein Ort für leichte Sommerkost. Die Küche ist alpin, direkt, substanziell – entwickelt von Menschen, die lange Winter überstehen mussten und das mit Käse, Fleisch, Polenta und Wein getan haben.
Fontina DOP ist das Herzstück. Ein halbfester Käse aus roher Kuhmilch, der seit dem 12. Jahrhundert in der Region hergestellt wird. Mild, cremig, mit einem leicht nussigen Abgang – und in der Hitze so schmelzend, dass er zur Basis fast aller warmen Gerichte des Tals wird. Die Fonduta valdostana – eine Käsefondue-Verwandte aus geschmolzenem Fontina, Eigelb und Milch – ist das Nationalgericht. Man isst sie mit Brot, mit Polenta, mit gekochten Kartoffeln, mit allem, was in der Nähe ist.
Lard d'Arnad DOP ist das überraschendste Produkt der Region. Der weiße Rückenspeck reift mindestens drei Monate in antiken Holzbehältern aus Kastanie oder Eiche, eingebettet in Schichten aus Salz, Wasser, Knoblauch, Lorbeer, Rosmarin, Salbei und alpinen Kräutern. Das Ergebnis ist kein Speck im deutschen Sinne – es ist etwas Zartes, fast Butterartiges, das auf warmem Roggenbrot schmilzt und dabei nach Berg riecht.
Jambon de Bosses DOP – ein Schinken, der in Bergkräuter und Heu eingelegt mindestens ein Jahr auf 1.600 Metern Meereshöhe reift. Die trockene, kalte Bergluft zieht die Feuchtigkeit aus dem Fleisch gleichmäßiger und langsamer als im Tal.

Carbonade – Ochsenfleisch mit Zwiebeln und Rotwein geschmort, das Stunden auf dem Herd steht und das Haus mit einem Geruch füllt, der jeden Hunger auslöst. Dazu: Polenta
Génépy – ein Kräuterlikör aus dem gleichnamigen Alpenkraut, das nur über 2.000 Metern wächst. Golden, bitter, warm. Das letzte Glas nach dem Essen, das man sich gönnt.
Wann reisen?
Frühling (April–Mai): Schneeschmelze, erste Alpenblumen, die Burgen ohne Menschenmassen. Sommer (Juni–August): Wandern, Klettern, kühle Temperaturen, der Marché au Fort in Bard. Das beliebteste Quartal. Herbst (September–Oktober): Désarpa, Weinlese, goldene Lärchen, das Finale der Bataille des Reines. Die schönste Reisezeit. Winter (November–März): Skifahren in Courmayeur und Cervinia, die Foire de Saint-Ours im Januar, Ruhe und Schnee.
Rezept: Crespelle alla Valdostana

Pfannkuchen mit Fontina und Schinken – das wärme Gericht eines Aostataler Winters
Die Crespelle alla Valdostana sind Crêpes, die mit Fontina-Käse und Schinken gefüllt werden – einfach, sättigend, mit dem Käse als Hauptdarsteller. Ein Gericht, das man nach einer langen Wanderung essen will, oder an einem Abend, an dem es draußen schneit und man nicht mehr aufstehen möchte. Und passend dazu den Sicilila Grillo DOC "Blanché von Montedidio.
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