Abruzzen – das Italien, das noch niemand kennt
- Mangiamo
- 13. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Viaggio

Es gibt eine Region in Italien, die keiner kennt. Keine Influencer, keine Kreuzfahrtgruppen, keine Warteschlangen vor den Sehenswürdigkeiten. Keine Hotels, die sich „Boutique" nennen und dafür dreifach abrechnen. Stattdessen: Wölfe im Nationalpark, mittelalterliche Ritterspiele auf alten Stadtplätzen, Safranfelder auf Hochebenen, die im Oktober leuchten wie Aquarelle, und eine Küche, die nicht für Fremde gemacht wurde, sondern für Menschen, die jeden Tag hier leben.
Die Abruzzen – auf Italienisch Abruzzo – liegen keine zwei Stunden östlich von Rom. Und doch fühlt es sich an, als würde man das Land hinter dem Land betreten. Das echte Italien. Das Italia nascosta – das verborgene.
Natur: Drei Nationalparks und ein kleines Tibet
Die Abruzzen sind die grünste Region Italiens. Ein Drittel der Fläche steht unter Naturschutz, verteilt auf drei Nationalparks, die so verschieden sind wie drei verschiedene Welten.

Der Gran-Sasso-Nationalpark im Norden ist das Rückgrat der Region – und des gesamten Apennins. Der Corno Grande ragt auf 2.912 Meter, der höchste Punkt der gesamten Gebirgskette, und trägt auf seinem Rücken den Calderone: Europas südlichsten Gletscher, der langsam schmilzt und dabei atemberaubend blau leuchtet. Das Hochplateau Campo Imperatore auf rund 1.600 Metern – fast 30 Kilometer lang, 10 Kilometer breit – wird nicht ohne Grund das „kleine Tibet" genannt. Ein Mond aus Stein und Gras, an dem die Wolken hängenbleiben.
Der Majella-Nationalpark in der Mitte der Region ist das Herzstück der Abruzzen, spirituell wie landschaftlich. Einsiedeleien kleben an Felswänden. Wanderwege führen durch Schluchten, in denen das Wasser klingt wie Glockengeläut. Der Cammino dei Briganti – der Weg der Briganten – ist eine Wanderroute von rund 130 Kilometern, auf der man nicht touristischem Komfort folgt, sondern der Geschichte von Menschen, die hier flüchteten, die hier lebten, die hier kämpften.
Der Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise im Süden schließlich ist der älteste der drei, gegründet 1923. In seiner wilden, ursprünglichen Berglandschaft leben Tiere, die anderswo keinen Lebensraum mehr finden: Wölfe, Braunbären, Steinböcke, Luchse, Wildkatzen und Königsadler. Wer einen Abend lang am Waldrand sitzt und wartet, kann Dinge sehen, die sich nicht fotografieren lassen.
Jenseits der Parks lohnt der Abstecher zu den Calanchi di Atri – einer WWF-Schutzzone aus erosionierten Lehmhügeln, die die Landschaft in etwas Außerirdisches verwandeln. Steil, grau, unwirklich. Als hätte jemand die Erde gefaltet und vergessen, sie wieder glatt zu streichen.

Und dann ist da noch die Costa dei Trabocchi – eine Küstenstraße zwischen Ortona und Vasto, auf der alte Holzkonstruktionen, sogenannte Trabocchi, auf Pfählen ins Meer ragen. Einst Fischerfallen, heute Restaurants über dem Wasser. Man sitzt mittags dort, hört das Meer unter sich, isst gegrillten Fisch mit einem Glas Trebbiano – und vergisst für einen Moment alles andere.
Städte und Borghi: Wo die Zeit stehen blieb

Sulmona ist die heimliche Hauptstadt der abruzzesischen Seele. Eine mittelgroße Stadt im Valle Peligna, umgeben von Nationalparks, durchzogen von einem mittelalterlichen Aquädukt,
der noch heute mitten durch die Piazza Garibaldi führt – einem der schönsten Stadtplätze Italiens, an dem man das Gefühl hat, dass die Gegenwart hier nur auf Besuch ist. Sulmona ist die Heimat von Ovid, dem römischen Dichter, und von Confetti – jenen in Zucker gehüllten Mandeln, die man auf Hochzeiten, Taufen und Kommunionen verschenkt. Ganze Straßen sind den Confetterie gewidmet. Der Duft nach Mandeln und Karamel hängt im Stein.
L'Aquila, die Hauptstadt der Region, trägt ihre Geschichte als Last und als Würde zugleich. Der Brunnen der 99 Röhren, die Basilika San Bernardino und das Nationalmuseum sind trotz der Zerstörungen durch das Erdbeben von 2009 zugänglich – und gerade weil die Wunden noch sichtbar sind, fühlt sich die Stadt echter an als jede restaurierte Kulisse.
Scanno liegt in einer Kurve des gleichnamigen Sees, als hätte sich der Ort selbst versteckt. Die Frauen tragen noch an Festtagen ihre traditionellen Kostüme. Henri Cartier-Bresson fotografierte hier in den Fünfzigerjahren – seine Bilder sehen aus wie gestern.
Rocca Calascio schließlich ist eine Festungsruine auf 1.460 Metern – umringt von nichts als Wind, Gras und Himmel. Man erreicht sie auf einem Schotterweg, zu Fuß die letzten Minuten bergauf, und dann steht man dort oben und versteht, warum Regisseure immer wieder hierherkommen. Ladyhawke, Il nome della rosa – beide wurden hier gedreht. Die Landschaft braucht keine Kulisse. Sie ist selbst eine.
Feste: Das lebendige Mittelalter
Die Abruzzen feiern anders. Kein Touristen-Spektakel, sondern tief verwurzelte Rituale, die die Dorfgemeinschaft seit Jahrhunderten zusammenhalten.
La Madonna che Scappa – Sulmona (Ostersonntag) Auf dem großen Platz bei der Kathedrale symbolisiert die „laufende Madonna" den Moment, in dem Maria von der Auferstehung Christi erfährt. Eine Marienstatue, getragen von acht Männern, wird buchstäblich über den Platz getragen – in einem Lauf, der Jahrhunderte alt ist und noch immer Tränen in die Augen treibt, ob man gläubig ist oder nicht.

Il Rito dei Serpari – Cocullo (1. Mai) Im Dorf Cocullo wird am 1. Mai die Statue des heiligen Domenico, bedeckt mit lebenden, ungiftigen Schlangen, in einer Prozession durch den Ort getragen. Die Serpari – die Schlangenhalter – sammeln die Tiere in den Bergen rund um das Dorf. Das Ritual ist uralt, vorchristlich, unerklärt. Man muss es gesehen haben.
Giostra Cavalleresca – Sulmona (Juli) Sieben Stadtteile schicken je einen Reiter in die Arena auf der Piazza Garibaldi. Die Reiter versuchen, mit ihrer Lanze Ringe zu haken – in Kostümen und Rüstungen, begleitet von Trommlern, Trompetern und atemberaubenden Fahnenwerfen. Die Stadt schmückt sich tagelang. Es ist das größte Mittelalterfest der Region – und wirkt trotzdem, als wäre man zufällig vorbeigelaufen.
Ju Catenacce – Scanno & Villalago (14.–15. August) Ein antikes Verlobungsfest in traditionellen Abruzzen-Kostümen, mit einem historischen Festzug durch die Bergdörfer Scanno und Villalago. Wer hier zufällig vorbeifährt, glaubt für einen Augenblick, falsch abgebogen zu sein – ins falsche Jahrhundert.
Corsa degli Zingari – Pacentro (erster Septembersonntag) Beim „Rennen der Zigeuner" laufen Teilnehmer barfuß einen steilen, felsigen Abhang hinunter zu einem Marienheiligtum. Kein Scherz, kein Marketing-Konzept. Ein Rennen, das wehtut und trotzdem jedes Jahr stattfindet.
Mastrogiurato – Lanciano (Anfang September) Die mittelalterliche Woche in Lanciano gipfelt im Mastrogiurato-Umzug: Ritter, Fahnenträger, Kostüme aus dem Hochmittelalter, Märkte und Aufführungen – eine ganze Woche, in der die Stadt des 21. Jahrhunderts den Atem anhält.
Wann reisen?
Frühling (April–Mai): Osterfeste, erste Wärme, die Berge noch verschneit – Kontrast pur. Ideal für Wanderungen und Natur. Sommer (Juli–August): Feste und Sagre, Hitze an der Küste, Kühle in den Bergen. Rustikal und lebendig. Herbst (September–Oktober): Weinlese, Trüffel, Kastanien, goldene Wälder. Die schönste Reisezeit. Winter (Dezember–März): Skifahren am Gran Sasso, lebende Krippenspiele in den Bergdörfern, Ruhe ohne Ende.

Rezept aus den Abruzzen: Arrosticini
Kein Besuch in den Abruzzen ist vollständig ohne Arrosticini – kleine Lammspieße, die über Holzkohle gebrannt werden. Sie sind so simpel, dass man nichts falsch machen kann. Und so gut, dass man nie wieder aufhören will.

Arrosticini selbst machen. Der Abruzzen-Genussmoment.
Die saftigen Lammfleischspieße ist man in den Abruzzen im Stehen oder auf einer Treppe. Nicht am gedeckten Tisch. Die Spieße bieten sich wunderbar als ersten Snack zur Begrüßung an.
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